Lobo Antunes, Die natürliche Ordnung der Dinge

António Lobo Antunes, Die natürliche Ordnung der Dinge (1992)
„Bis ich sechs Jahre alt war, Iolanda, kannte ich weder die Familie meiner Mutter noch den Duft der Kastanienbäume, den der Septemberwind von Buraca herüberwehte mit dem Geruch der Schafe und Ziegen.
[…]
Die Finsternis ließ mich die Schiffe nicht deutlich sehen, ließ mich das Seenotrettungsboot, die Fischkutter, die Sturmschwalben, die Dünen, die römische Brücke und die Esplanade von Tavira nicht deutlich sehen […]“

Choderlos de Laclos, Gefährliche Liebschaften

Pierre Choderlos de Laclos, Gefährliche Liebschaften (1782)
„Du siehst, liebe Freundin, daß ich Wort halte und daß der Toilettentisch mir nicht meine ganze Zeit raubt, — er wird mir immer welche für Dich übrig lassen.
[…]
Gott mit Ihnen, meine liebe und würdige Freundin; ich empfinde es diesen Augenblick, daß unsere Vernunft, die schon zur Vermeidung von Unglück kaum hinreicht, noch weniger fähig ist, uns darüber zu trösten.“

Dostojewski, Die Sanfte

F. M. Dostojewski, Die Sanfte (1876)

… Ja, solange sie hier liegt, ist noch alles gut: alle Augenblicke trete ich heran und schaue sie an; morgen aber trägt man sie fort und — wie soll ich es dann alleine aushalten?
[…]
Nein, allen Ernstes, wenn man sie morgen fortträgt, was wird dann mit mir?

Abonji, Tauben fliegen auf

Melinda Nadj Abonji, Tauben fliegen auf (2010)

Als wir nun endlich mit unserem amerikanischen Wagen einfahren, einem tiefbraunen Chevrolet, schokoladefarben, könnte man sagen
[…]
an diesem blauen Novembertag dachten wir an unsere Verstorbenen, Grosstanten und Grossonkel, an unsere Grosseltern, die wir nie kennengelernt haben, Mutters Mutter und Papuci, für Sie, Mamika, haben wir ein Lied gesungen, und in Ihrem Namen haben wir darum gebeten, dass die Lebenden nicht vor ihrer Zeit sterben.

Delius, Bildnis der Mutter als junge Frau

Friedrich Christian Delius, Bildnis der Mutter als junge Frau (2006)

Laufen Sie, junge Frau, laufen Sie, wenn Sie wollen
[…]
und dem fernen Geliebten in Afrika zu erzählen und zu berichten, möglichst noch heute, nach dem Abendbrot in einem langen, langen Brief.

Levi, Die Atempause

Primo Levi, Die Atempause (1963)

In den ersten Januartagen 1945 hatten die Deutschen unter dem Druck der inzwischen näher gerückten Roten Armee in aller Eile das schlesische Kohlebecken evakuiert.
[…]
Es ist das Morgenkommando von Auschwitz, ein fremdes Wort, gefürchtet und erwartet: Aufstehen, ‚Wstawac‘.